Magnete aus Seltenen Erden stecken in Elektroautos, Windkraftanlagen, Industriemotoren und Robotern. Ihre Verarbeitung und die Magnetproduktion liegen ganz überwiegend in China, und Peking hat gezeigt, dass es diese Stellung als Hebel einsetzt. Die verschärften Exportkontrollen vom Oktober 2025 reichen nicht nur auf Rohstoffe aus China, sondern auch auf Produkte, die außerhalb Chinas hergestellt werden und nur einen kleinen Anteil chinesischer Seltener Erden enthalten. Derzeit sind die schärfsten dieser Kontrollen ausgesetzt, aufgehoben sind sie nicht.
Die Kontrollen sind Teil eines Handelskonflikts zwischen Washington und Peking. Europa sitzt dabei nicht am Tisch, trägt aber einen großen Teil des Risikos. Dieser Beitrag ordnet ein, was China beschlossen und ausgesetzt hat, warum die Abhängigkeit so groß ist, wie die EU reagiert und was Unternehmer daraus für ihre Lieferketten ableiten sollten.
Inhalt
- Was China im Oktober 2025 beschlossen hat
- Die Aussetzung und die Frage nach dem Datum
- Was trotz der Pause gilt
- Warum die Abhängigkeit so groß ist
- Rohstoffe als Hebel in der Geopolitik
- Europas Antwort: Gespräche und Gesetz
- Was Unternehmen jetzt tun sollten
- Ausblick: drei Szenarien für den Januar
1. Was China im Oktober 2025 beschlossen hat
Am 9. Oktober 2025 veröffentlichte das chinesische Handelsministerium MOFCOM, teils gemeinsam mit der Zollverwaltung, ein ganzes Paket neuer Exportkontrollen. Es betraf Seltene Erden, Anlagen zu ihrer Verarbeitung, Lithiumbatterien, Graphit-Anodenmaterial und superharte Materialien. Die Kanzlei Graf von Westphalen hat die Maßnahmen in einem Briefing für europäische Unternehmen zusammengefasst.
Zwei Punkte stechen heraus. Erstens beansprucht China mit der Bekanntmachung Nr. 61 erstmals ausdrücklich Kontrolle über Geschäfte, die vollständig außerhalb Chinas stattfinden. Im Ausland hergestellte Produkte, etwa Permanentmagnete und daraus gefertigte Bauteile, sollten genehmigungspflichtig werden, wenn sie wertmäßig 0,1 Prozent oder mehr bestimmter Seltenerd-Materialien chinesischen Ursprungs enthalten. Zweitens untersagt die Bekanntmachung Nr. 62 weitgehend den Export von Technologien für Abbau, Trennung, Magnetherstellung und Recycling Seltener Erden.
Für Unternehmen bedeutet das eine neue Art von Pflicht: Sie müssen wissen, wie viel chinesische Seltene Erde in ihren Produkten steckt, auch wenn sie selbst nie direkt in China einkaufen.
2. Die Aussetzung und die Frage nach dem Datum
Nur einen Monat später, am 7. November 2025, setzte China das Paket aus. Die Bekanntmachung Nr. 70 von Handelsministerium und Zoll stoppt die Umsetzung der Bekanntmachungen Nr. 55 bis 58, 61 und 62 „ab heute bis zum 10. November 2026“. Vorausgegangen war das Treffen der Präsidenten Xi Jinping und Donald Trump Ende Oktober 2025 in Südkorea, bei dem beide Seiten einen einjährigen Handelsfrieden vereinbarten.
Ende September 2026 wurde dieser Handelsfrieden verlängert. US-Finanzminister Scott Bessent sprach laut CNBC von einer Verlängerung bis zum 10. Januar 2027. Das chinesische Handelsministerium bestätigte am 28. September in einer Erläuterung der achten Verhandlungsrunde, dass die in Kuala Lumpur vereinbarte Regelung, unter der beide Seiten bestimmte Zoll- und andere Maßnahmen ausgesetzt haben, bis zu diesem Datum gilt. Beide Seiten wollen bis Jahresende über eine weitere Verlängerung sprechen.
Für die Praxis ist der Unterschied zwischen politischer Zusage und Rechtstext wichtig. Die Bekanntmachung Nr. 70 nennt weiterhin den 10. November 2026. Wer Lieferungen plant, sollte deshalb nicht nur auf Erklärungen achten, sondern darauf, welche Texte Peking tatsächlich veröffentlicht. Sicher ist nur: Die Aussetzung ist befristet, die Regeln selbst sind nicht aufgehoben.
3. Was trotz der Pause gilt
Oft übersehen wird, dass die Aussetzung nicht alle Kontrollen erfasst. Schon am 4. April 2025 hatte China mit der Bekanntmachung Nr. 18 eine Genehmigungspflicht für sieben mittelschwere und schwere Seltene Erden eingeführt: Samarium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Lutetium, Scandium und Yttrium, einschließlich ihrer Metalle, Legierungen, Verbindungen und bestimmter Magnetmaterialien. Diese Bekanntmachung steht nicht auf der Liste der Bekanntmachung Nr. 70 und gilt daher fort.
Gerade Dysprosium und Terbium sind für leistungsstarke Magnete wichtig, die auch bei hohen Temperaturen ihre Kraft behalten, etwa in Elektromotoren. Jede Ausfuhr dieser Stoffe aus China braucht also schon heute eine Genehmigung. Die Pause betrifft nur die zusätzliche Verschärfung vom Oktober 2025.
4. Warum die Abhängigkeit so groß ist
Die Zahlen der Internationalen Energieagentur zeigen, wie konzentriert der Markt ist. Nach ihrem Bericht zu Seltenen Erden entfielen 2024 rund 60 Prozent der weltweiten Förderung der für Magnete wichtigen Seltenen Erden auf China. Bei der Raffination waren es 91 Prozent, bei der Herstellung gesinterter Permanentmagnete 94 Prozent. Im Jahr 2005 lag Chinas Anteil an der Magnetproduktion noch bei etwa der Hälfte.
Die EU-Kommission beziffert die Abhängigkeit Europas noch deutlicher: Mehr als 90 Prozent der Seltenerd-Magnete in der EU stammen nach ihren Fragen und Antworten zum Aktionsplan RESourceEU aus China. Solche Magnete stecken in Elektroautos, Windkraftanlagen, Industriemotoren, Robotern, Pumpen und Medizintechnik. Wer keine Magnete einkauft, ist deshalb nicht automatisch außen vor. Oft hängen Zulieferer zweiter oder dritter Stufe daran.
Das eigentliche Problem liegt nicht im Bergbau, sondern in der Verarbeitung. Erze gibt es auch anderswo. Die Fähigkeit, sie zu trennen, zu reinigen und zu Magneten zu verarbeiten, hat China über Jahrzehnte aufgebaut, und die Bekanntmachung Nr. 62 zielt genau darauf, dieses Wissen im Land zu halten.
5. Rohstoffe als Hebel in der Geopolitik
Chinas Vorgehen folgt einem Muster. Das Land hat zunächst Marktanteile aufgebaut, dann Verarbeitungswissen konzentriert und setzt die entstandene Stellung nun als Druckmittel in Handelskonflikten ein. Die Kontrollen vom Oktober 2025 folgten laut CNBC auf eine Ausweitung der amerikanischen Exportbeschränkungen auf Tochtergesellschaften chinesischer Unternehmen. Ausgesetzt wurden beide Maßnahmen gemeinsam, als Teil des Handelsfriedens zwischen den USA und China.
Wie sich die westliche Hoffnung auf „Wandel durch Handel“ in eine strategische Abhängigkeit verwandelt hat, beschreibt der Beitrag Wandel durch Handel gescheitert: Chinas Weltmacht-Strategie. Die Seltenen Erden sind dafür ein besonders klares Beispiel: Ein vergleichsweise kleiner Markt entscheidet über die Produktion ganzer Industrien.
Europa befindet sich dabei in einer unbequemen Lage. Die Fristen werden zwischen Washington und Peking verhandelt. Scheitert dort eine Einigung, treffen die wieder geltenden Regeln europäische Hersteller genauso wie amerikanische, weil die 0,1-Prozent-Regel nicht nach dem Sitz des Unternehmens fragt.
6. Europas Antwort: Gespräche und Gesetz
Die EU verfolgt zwei Wege. Kurzfristig setzt sie auf Gespräche. Am 8. und 9. Oktober 2026 trafen sich EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič und Chinas Handelsminister Wang Wentao in Peking. In der gemeinsamen Erklärung sagt China zu, Exportgenehmigungen für Seltene Erden und Permanentmagnete in die EU weiter über ein beschleunigtes Verfahren zu erleichtern. Im Gegenzug will die EU bestimmte vorrangige Genehmigungen für Güter mit doppeltem Verwendungszweck nach China fördern. Ein Sprecher des Handelsministeriums erklärte am 15. Oktober, China wolle Genehmigungen für Europa unabhängig vom Ausgang der Gespräche mit den USA weiter erteilen. Rechtlich bindend ist das nicht.
Langfristig setzt die EU auf eigene Kapazitäten. Die Verordnung (EU) 2024/1252 zu kritischen Rohstoffen formuliert Ziele für 2030: Mindestens 10 Prozent des jährlichen Verbrauchs strategischer Rohstoffe sollen in der EU gefördert, 40 Prozent verarbeitet und 25 Prozent durch Recycling gedeckt werden. Kein einzelnes Drittland soll mehr als 65 Prozent eines strategischen Rohstoffs auf einer Verarbeitungsstufe liefern. Mit dem Aktionsplan RESourceEU vom 3. Dezember 2025 will die Kommission dafür in zwölf Monaten fast 3 Milliarden Euro an EU-Mitteln mobilisieren.
Gemessen an Chinas Anteilen von über 90 Prozent bei Raffination und Magneten ist der Weg zur 65-Prozent-Grenze weit. Bis 2030 werden europäische Unternehmen mit der Abhängigkeit leben müssen.
7. Was Unternehmen jetzt tun sollten
Bis zum 10. Januar 2027 bleiben gut elf Wochen. Für Unternehmen, die mit Motoren, Antrieben, Sensoren oder elektronischen Baugruppen arbeiten, empfiehlt sich ein nüchterner Blick auf die eigene Lieferkette:
- Betroffenheit klären: Welche Produkte und Vorprodukte enthalten Permanentmagnete oder Seltene Erden, und woher stammen sie?
- Lieferanten befragen: Ursprungs- und Wertangaben zu Seltenerd-Anteilen einholen. Für die 0,1-Prozent-Regel kommt es auf den Wertanteil an, nicht auf das Gewicht.
- Endverwendung prüfen: Nach den ausgesetzten Regeln sollen Genehmigungen für militärische Endverwendungen grundsätzlich verweigert werden. Kundenstrukturen sollten daraufhin durchgesehen werden.
- Vorräte abwägen: Ein Sicherheitslager kann Engpässe überbrücken, bindet aber Kapital. Wie sich die Liquidität dabei im Griff behalten lässt, zeigen die 10 Tipps zur Verbesserung der Liquidität.
- Alternativen vorbereiten: Zweitlieferanten außerhalb Chinas, magnetarme Konstruktionen oder Recyclingmaterial brauchen Vorlauf. Wer erst im Januar sucht, sucht zu spät.
Rohstoffrisiken gehören in das reguläre Risikomanagement eines Unternehmens, nicht in eine Schublade für Ausnahmefälle. Die EU-Verordnung verpflichtet große Unternehmen, die mit strategischen Rohstoffen bestimmte strategische Technologien herstellen, ohnehin zu regelmäßigen Risikobewertungen ihrer Lieferketten. Für kleinere Unternehmen ist dieselbe Übung freiwillig, aber sinnvoll. Kommt es trotz Vorsorge zu einem Lieferstopp, helfen die Grundsätze aus dem Beitrag Effektives Krisenmanagement: Top 10 Maßnahmen und Strategien.
8. Ausblick: drei Szenarien für den Januar
Für die Zeit nach dem Stichtag sind drei Entwicklungen denkbar. Im günstigsten Fall verlängern die USA und China ihre Vereinbarung erneut oder einigen sich auf ein umfassendes Abkommen. Dann bleibt die Verschärfung ausgesetzt, die Unsicherheit aber bestehen. Im mittleren Fall laufen die Regeln wieder an, China erteilt Europa aber über das beschleunigte Verfahren zügig Genehmigungen. Dann steigt vor allem der bürokratische Aufwand. Im ungünstigsten Fall wird die EU in einen neuen Konflikt hineingezogen und die Genehmigungen werden zum Verhandlungspfand.
Die EU und China haben für Januar 2027 eine Videokonferenz auf Ministerebene und für März 2027 das nächste Treffen vereinbart. Für Unternehmer ist die wichtigste Erkenntnis unabhängig vom Szenario: Die Versorgung mit Seltenen Erden ist keine Frage des Einkaufspreises mehr, sondern eine politische. Wer seine Abhängigkeit kennt, kann reagieren. Wer sie nicht kennt, erfährt davon erst, wenn die Ware ausbleibt.
Weitere Analysen finden Sie in den Themenbereichen Geopolitik sowie Öl, Energie und Rohstoffe auf dieser Website.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand vom 23. Oktober 2026 wieder. Er ersetzt keine Prüfung des Einzelfalls im Außenwirtschaftsrecht.
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